Wie entsteht eine persönliche Trauerrede?
- Anke Elich
- 13. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Juli
Eine persönliche Trauerrede entsteht nicht am Schreibtisch. Sie entsteht im Gespräch.
Als freie Trauerrednerin ist es meine Aufgabe, aus diesen Erinnerungen eine Rede zu gestalten, die das Leben und die Persönlichkeit eines Menschen sichtbar macht. Mein Ziel ist es nicht, einfach einen Lebenslauf wiederzugeben. Es geht darum, ein Bild entstehen zu lassen: Wer war dieser Mensch? Was hat ihn geprägt? Was bleibt von ihm in den Erinnerungen der Menschen, die ihn geliebt und begleitet haben?
Ein Gespräch über ein ganzes Leben
Am Anfang eines Gesprächs geht es zunächst um die bevorstehende Beisetzung. Welche Form ist gewünscht? Wer soll genannt werden? Welche Angehörigen und Wegbegleiter gehören dazu?
Diese ersten Fragen helfen dabei, langsam in das Gespräch hineinzufinden. Sie schaffen eine Verbindung und führen ganz natürlich zu den Menschen, die im Leben des Verstorbenen eine wichtige Rolle gespielt haben.
Nach und nach wird der Blick weiter. Mich interessiert nicht nur, was jemand gemacht hat, sondern vor allem, wie dieser Mensch war.
Ich frage nach Eigenschaften, nach besonderen Lebensabschnitten, nach Vorlieben und Leidenschaften, nach Herausforderungen und nach den Werten, die diesen Menschen geprägt haben. Auch typische Sätze, Sprüche oder kleine Gewohnheiten können wichtige Hinweise geben.
Am schönsten sind die Momente, in denen aus einer Frage eine Erinnerungsszene entsteht. Wenn Angehörige nicht nur erzählen, dass jemand gerne gereist ist, sondern plötzlich von einer ganz bestimmten Reise berichten: von einem Ort, an dem besondere Erinnerungen entstanden sind, von einem Moment, über den heute noch alle lächeln müssen. Wenn dadurch Gefühle geweckt werden, Bilder im Kopf entstehen und vielleicht noch ein Zitat mit aufgenommen werden kann.
Wenn sie erzählen, dass jemand samstags immer gern Kuchen gebacken hat, eine bestimmte Band oder Musikrichtung besonders gern gehört wurde oder eine typische Eigenart hatte, über die sich alle manchmal aufgeregt haben und über die man heute mit einem Lächeln zurückdenkt.
Eine Trauerrede gewinnt dadurch an Tiefe. Sie bleibt nicht bei Daten und Stationen stehen, sondern erzählt von einem Menschen mit seinen Besonderheiten, seinen Stärken und seinen ganz eigenen Seiten.
Den Menschen hinter der Geschichte kennenlernen
Um eine persönliche Trauerrede schreiben zu können, ist es wichtig, den Lebensweg eines Menschen in seiner Gesamtheit zu verstehen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Erlebnisse, sondern auch um die Zusammenhänge: Welche Menschen haben ihn begleitet? Welche Erfahrungen haben ihn geprägt? Welche Werte und Überzeugungen waren ihm wichtig?
Familie, Freundschaften, besondere Lebensphasen und persönliche Interessen erzählen viel darüber, was einen Menschen ausgemacht hat. Erst wenn viele verschiedene Facetten zusammenkommen, entsteht ein umfassender Blick auf seine Persönlichkeit.
Aus vielen einzelnen Erzählungen fügt sich nach und nach ein Gesamtbild zusammen, ein Bild von einem Menschen, der nicht nur durch seine Lebensstationen, sondern vor allem durch seine Beziehungen, Erfahrungen und seine ganz eigene Art in Erinnerung bleibt.
Aus vielen Erinnerungen ersteht eine Rede
Nach dem Gespräch beginnt die eigentliche Arbeit: Aus den vielen Erinnerungen, Gedanken und Eindrücken entsteht nach und nach ein roter Faden.
Dabei geht es nicht darum, alles Erzählte vollständig wiederzugeben oder einen Lebenslauf nachzuzeichnen. Vielmehr geht es darum, die vielen einzelnen Puzzleteile zusammenzufügen und daraus ein stimmiges Bild des Menschen entstehen zu lassen.
Eine gute Rede lebt von Emotionen. Natürlich gehört die Trauer dazu. Aber sie darf auch andere Gefühle zulassen: Dankbarkeit, Wärme, ein Schmunzeln und die Freude über eine gemeinsam verbrachte Zeit.
Ein Leben besteht nicht nur aus schweren Momenten. Es besteht aus Begegnungen, Erinnerungen und all den Spuren, die ein Mensch hinterlassen hat.
Die persönliche Gestaltung der Trauerfeier
Auch die Gestaltung der Trauerfeier selbst kann dazu beitragen, einen Menschen zu verabschieden.
Musik
Bei der Auswahl der Musik ist mir besonders wichtig, dass sie wirklich zu dem Menschen passt.
Es müssen nicht die bekannten Lieder sein, die auf vielen Trauerfeiern gespielt werden. Manchmal ist ein ganz persönliches Lied viel bedeutender: eine Musikrichtung, die jemand geliebt hat, ein Lied mit einer gemeinsamen Geschichte oder ein Stück, das inhaltlich zu dem Menschen passt.
Weitere Gedanken habe ich in meinem Blogbeitrag: Welches Lied passt zu einer Trauerfeier? geschrieben.
Gedichte
Wenn Angehörige sich ein bestimmtes Gedicht für die Trauerfeier wünschen, nehme ich diesen Wunsch sehr gerne auf.
Dabei ist mir wichtig, das Gedicht nicht einfach losgelöst vorzutragen. Wenn möglich, wird es in den roten Faden der Rede eingebunden und bekommt dadurch seinen eigenen Platz innerhalb der Zeremonie.
Abschied am Grab
Auch die letzten Worte am Grab können Teil meiner Aufgabe sein.
Dort geht es meist nicht mehr um eine lange Rede. Oft sind es wenige, bewusst gewählte Worte, die den Moment begleiten. Vielleicht ein persönlicher Gedanke, ein Gebet, ein Segen oder eine Zeile aus einem Lied, das bereits während der Trauerfeier gehört wurde.
Was eine gute Trauerrede ausmacht
Eine gute Trauerrede ist nicht nur traurig.
Sie erzählt von einem gelebten Leben. Von einem Menschen mit seiner Persönlichkeit, seinen Geschichten und den Erinnerungen, die bleiben.
Sie darf liebevoll sein. Sie darf dankbar sein für die gemeinsame Zeit. Und sie darf auch Momente enthalten, in denen ein Lächeln entsteht.
Meine Aufgabe als Trauerrednerin ist es, zuzuhören, die vielen persönlichen Erinnerungen aufzunehmen und daraus eine Rede zu gestalten, die dem Menschen gerecht wird.
Für mich ist eine der schönsten Rückmeldungen nach einer Trauerfeier, wenn Angehörige sagen:
„Genau so war sie.“ / „Genau so war er.“
Denn dann habe ich das Gefühl, dass die Erinnerungen, die sie mit mir geteilt haben, ihren Platz gefunden haben und der Abschied so persönlich geworden ist, wie sie es sich gewünscht haben.




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